Wie man die Diskussion im Rahmen einer Demokratie in Freiburg sieht

Es ist ja nicht verwunderlich: Immer dann, wenn selbstberufene Verbindungsgegner zu Vorträgen eingeladen werden, besteht das Publikum zu einem großen Teil aus Korporierten – egal, in welcher Stadt solch ein Vortrag stattfindet. Natürlich wird bei den Referaten gemeckert, wenn Unterstellungen und Vorverurteilungen durch halbwissende Referierende überhand nehmen oder die Deutung historischer Begebenheiten auf das heutige Bild des Verbindungswesens ins Absurde hin abgleiten. Den Referenten kann man neidlos zugestehen: sie brauchen und haben in der Regel ein dickes Fell.

Der Veranstalter eines solchen Vortragsabends in Freiburg, der u-AStA der hiesigen Universität, hat ein solches dickes Fell offenbar nicht gehabt, als dieser Herrn Jörg Kronauer für den 23. November einlud eben einen solchen verbindungskritischen Vortrag zu halten.

Im Vorfeld der Veranstaltung ist es in den Augen des u-AStA offenbar vor dem Saal, in dem der Vortrag stattfinden sollte, schon zu den ersten Tumulten gekommen. Angetrunkene Korporierte hätten dort wohl schon halb randaliert und gegrölt. Der u-AStA sah sich gezwungen, Korporierten (und solche, die aussahen, als ob sie diesen Nahe stünden) den Zutritt für diesen Vortrag zu verwehren.

Vor Beginn des Vortrags hatten sich bereits ca. 40 Verbindungsstudenten, teilweise stark alkoholisiert, vor dem Vortragsraum versammelt und erschwerten den Zugang für OrganisatorInnen und BesucherInnen des Vortrags. Die Stimmung war aufgeheizt. Da Störungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten waren und wir davon ausgehen mussten, dass bei der großen Anzahl von Verbindungsstudenten die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen sein würde, haben wir uns entschieden, der großen Gruppe von Verbindungsstudenten vor dem Hörsaal keinen Einlass zu gewähren. Nur durch dieses Vorgehen sahen wir uns der Lage, die körperliche Unversehrtheit aller Beteiligten und einen geregelten Ablauf der Veranstaltung sicherzustellen.
(Quelle: http://www.u-asta.uni-freiburg.de/Members/vorstand/stellungnahme_verbindungen; Zugriff am 09.12.2011)

Als ich das gestern habe lesen dürfen schien mir das sehr überzogen. Dass die Stimmung im Vorfeld eines solchen Vortrags (mit zu erwartendem Inhalt) aufgeheizt ist, verwundert mich ehrlich gesagt eher weniger.

Ein paar Tage später beschwert sich ein Alter Herr (!), dem ebenfalls der Einlass zu der Veranstaltung verwehrt wurde, über das Verhalten des u-AStA.

Laut Haverkamp waren die Verbindungsstudenten keineswegs betrunken. Als ihm selbst der Zutritt zum Hörsaal verweigert wurde, sei er, um eine Eskalation zu vermeiden, gegangen. Deshalb könne er auch nichts zu dem Vorwurf sagen, die Ausgeschlossenen hätten den Vortrag gestört. Haverkamp hat den Eindruck, dass der U-Asta zu der Maßnahme griff, als er feststellte, dass Verbindungsstudenten in großer Zahl das Publikum bilden würden. Er habe zudem den Eindruck gehabt, dass auch Leute, die äußerlich nicht mit einer Verbindung assoziiert werden konnten, nicht in den Saal gelassen wurden.
(Quelle: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/verbindung-wehrt-sich–52952958.html, Zugriff am 09.12.2011)

Denselben Eindruck hatte ich auch, nachdem ich die u-AStA-Rechtfertigung gelesen habe. Diese verbindungskritischen Vorträge selbsternannter Experten, bringen in aller Regel nichts Neues zum Vorschein. Um als Verbindungsgegner aufzufallen, muss man mittlerweile auf andere Mittel ausweichen. So scheint mir der Ausschluss der Farbenstudenten von der Veranstaltung als probates Mittel gegolten zu haben, für eine entsprechende Medienerscheinung zu sorgen.

Selbst die Freiburger Jusos haben das Verhalten des u-AStA, insbesondere im Nachklang der Veranstaltung, stark kritisiert.

Wir können nachvollziehen, dass konkrete Angst vor Störungen durch Verbindungsstudenten bestand. Gerade in solch stressigen und emotionalen Situationen sind die Möglichkeiten über derlei Entscheidungen zu reflektieren nicht immer gegeben. Was wir allerdings nicht nachvollziehen können ist, dass der u-asta-Vorstand seine Handlungen im Nachhinein als die bestmöglichen verteidigte und es keinerlei Entschuldigung gab. Ein solcher Lösungsansatz, der mit dem Ausschluss politisch Andersdenkender, der Reduzierung des Meinungsspektrums und letztlich auch der Diskussionskultur einhergeht, erscheint der Juso-Hochschulgruppe jedenfalls nicht als der bestmögliche Ansatz. Insbesondere der Ausschluss von Personen aufgrund ihres Aussehens ist nach unseren Ansichten ein indiskutabler Vorgang, der sich nicht wiederholen darf.
(Quelle: http://jusos-freiburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=89:diskussionen-auch-mit-politischen-gegnern-fuehren-fuer-eine-tolerante-und-kritische-diskussionskultur&catid=35:aktuelle-pressemitteilungen&Itemid=69; Zugriff am 09.12.2011)

Bei allem, was hätte passiere können… Fakt ist doch, dass die Störungen der begangenen Art und Weise (welche ich prinzipiell auch nicht verteidigen möchte) nur deswegen möglich waren, weil man die Korporierten (oder die, die so aussehen) von der Veranstaltung explizit ausgeschlossen hat. Der Herr Kronauer hat sicherlich schon den einen oder anderen überhitzten Raum bereden dürfen – selbst er dürfte hier weitaus mehr Erfahrung haben, als die eigentlichen Veranstalter, und wissen, wie mit solchen Situationen umzugehen ist. Vielleicht hätte es die eine lebhafte und emotionale Diskussion gegeben, vielleicht wäre auch irgendwann der Punkt gekommen, an dem man unter lautstarkem Protest den Raum verlässt. Mehr nicht.

So oder so war das Verhalten des u-AStA im Vorfeld des Abends, als auch im Nachklang alles andere als im Sinne einer demokratischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Insofern möchte ich zum Ende meines Artikels nochmals von der Seite der Jusos zitieren:

Diskussionen müssen auch mit andersdenkenden Gruppen und politischen Gegnern geführt werden. Dieser Grundsatz wird von allen Beteiligten immer wieder eingefordert, dementsprechend müssen sich jedoch auf der anderen Seite alle Beteiligten an diesen Grundsatz halten und sich an ihm messen lassen. Nur wer anderen mit Toleranz begegnet, kann dafür sorgen, dass eine lebendige, kritische und offene Diskussionskultur an unserer Universität bestehen bleibt.
(Quelle: http://jusos-freiburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=89:diskussionen-auch-mit-politischen-gegnern-fuehren-fuer-eine-tolerante-und-kritische-diskussionskultur&catid=35:aktuelle-pressemitteilungen&Itemid=69; Zugriff am 09.12.2011)


 

Nachtrag, 12.12.2011:

Zwischenzeitlich auch auch die Liberale Hochschulgruppe Freiburg auf den Vorfall reagiert: http://lhg-bw.de/freiburg/2011/12/11/du-kommst-hier-nicht-rein/

Ein Gedanke zu „Wie man die Diskussion im Rahmen einer Demokratie in Freiburg sieht

  1. Hallo,

    kann es sein, dass die Zitate von der Juso Homepage nicht (mehr) stimmen? In der PM auf der Hompage steht nichts mehr von einer fehlenden Entschuldigung.

    Gruß

    Heinrich

    **

    Hallo Heinrich,

    vielen Dank für den Hinweis!

    Die entsprechende Passage wurde tatsächlich entfernt und auch an anderer Stelle „geschraubt“. Das verlinkt PDF der Pressemitteilung hat in seinen Metadaten zwischenzeitlich den 12.12.2011 stehen. Wie gut, dass ich das Datum meines Zugriffs dazu schreibe…

    Im Google Cache findet sich aber noch die ursprüngliche Version. Siehe hier: http://webcache.googleusercontent.com/search?hl=de&rlz=1G1ACAW_DEDE381&gs_sm=e&gs_upl=217434l217434l0l218684l1l1l0l0l0l0l0l0ll0l0&q=cache:wy-vSeMnSo8J:http://jusos-freiburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=89:diskussionen-auch-mit-politischen-gegnern-fuehren-fuer-eine-tolerante-und-kritische-diskussionskultur&catid=35:aktuelle-pressemitteilungen&Itemid=69+http%3A//jusos-freiburg.de/index.php%3Foption%3Dcom_content%26view%3Darticle%26id%3D89%3Adiskussionen-auch-mit-politischen-gegnern-fuehren-fuer-eine-tolerante-und-kritische-diskussionskultur%26catid%3D35%3Aaktuelle-pressemitteilungen%26Itemid%3D69&ct=clnk

    Gruß,
    BR (am 13.12.2011)

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