„Los geht’s“ – das Greifswalder Sorgentelefon geht an den Start!

Jetzt ist es also soweit. In Greifswald ist man auf den fahrenden Zug aufgesprungen und versucht sich an einem Sorgentelefon für ausstiegswillige Studierende. Die Kollegen… sorry… KollegInnen aus Göttingen haben ja damit große mediale Erfolge erzielen können. Dass die sachdienliche Qualität der Beratung eher im Untergrund kratzt, sei aber ebenso zur Kenntnis gegeben.

Immerhin hat man ja die Hoffnung (er)tragen können, die Damen und Herren aus Greifswald hätten aus den Göttinger Mängeln gelernt und einiges besser gemacht. Aber meist sind auch Cover-Songs schlechter als das Original und Kopien im Vergleich zum Ursprungsdokument doch verschwommen. So verhält es sich dann offenbar auch mit der Sorgentelefon-Kopie aus dem Norden Deutschlands.

Im Praesi-Blog, quasi dem Online-Tagebuch der Jusos im Studierendenparlaments (StuPa), wurde das Ansinnen bereits am 04. November 2011, also wenige Tage nach dem Beschluss durch das StuPa, recht reisserisch bewertet:

Neben der Stärkung des Hochschulsports stand auch der in der studentischen Presse heiß diskutierte Antrag Einrichtung eine Beratungstelefons für ausstiegswillige Verbindungsstudierende (u.a. von Eric Makswitat und Martin Hackbarth) auf der Tagesordnung. Die bereits in diesem Blog dargelegten Argumente verhalfen dem Anliegen zur Durchsetzung. Auch wenn versucht wurde, durch politische Tricks, seitens konservativer  Abgeordneter, den Antrag aufzublähen und zu einem nichts sagenden Stück Papier zu machen.
(Quelle: http://praesi-blog.de/2011/11/04/licht-und-schatten/#more-163, Zugriff am 30.11.2011)

Naja, der Blogeintrag stellte auch nur das gemeinhin unreflektierte und gepflegte Klischeebild des Verbindungsstudenten dar. Aber dafür kam im Anschluss die großspurige Ankündigung:

Dieses Ansinnen konnte verhindert werden und nun steht der konkreten Hilfe für konkrete Probleme nichts mehr im Weg.
(Quelle: http://praesi-blog.de/2011/11/04/licht-und-schatten/#more-163, Zugriff am 30.11.2011)

Das klingt nach viel. „Konkret“ sollte meines Erachtens in diesem Falle „tiefgreifend“ heißen. „Konkret“ heißt in diesem Zusammenhang vor allem, die eigentlichen Problematiken, zu verstehen und bewerten zu können. Diese Ankündigung sollte den Anspruch des AStA bekräftigen, sich gründlich mit der Materie zu beschäftigen, die man verstehen und bewerten möchte. Bei den tiefgründigen Problemstellungen und dem pychologische Terror, die dem Studentenwesen offenbar nach Meinung der Antragsteller innewohnen, sollten die ausstiegswilligen Sektenmitglieder… sorry!… Verbindungsstudenten von Profis beraten werden. Sicherlich gibt es aber in den Reihen der Jusos den einen oder anderen Psychologie-Studenten  aus dem ersten Semester, der sich durch jahrelange Verbindungszugehörigkeit für das Beratungstelefon qualifiziert hat…

Für die fachliche Qualifikation hat man sich dann immerhin gute vier Wochen Zeit genommen, den Verbindungsstudenten und das Verbindungswesen zu begreifen. Gestern, also am 29. November 2011, kündigte der Praesi-Blog an: „Los geht’s“. Dem Start des Sorgentelefons widmet man dort ganze vier Zeilen:

Der AStA bietet ab sofort das Beratungstelefon für ausstiegswillige Verbindungsstudierende an! Es gibt drei wöchentliche Termine. Der AStA geht damit weiter als der StuPa-Beschluss. Das freut uns sehr. Ihr erreicht die Hilfe telefonisch unter: 03834 / 86-1751 (Mo. 10:30 bis 12:00, Mi. 14:00 bis 15:00, Do. 12:00 bis 13:00 Uhr). Ein anonymer E-Mail Kontakt ist auch möglich.

Aus Göttingen hat man offenbar die Erkenntnis mitgenommen, dass ein unnötiger Wochentermin nicht genug ist. Gleich dreimal ist das Sorgentelefon wöchentlich erreichbar. Und sogar anonym per E-Mail! Ich frage mich gerade, wie man anonym per E-Mail Kontakt auf nehmen sollte? Etwa über einen Trash-Mail-Account? Unterstellt der AStA an dieser Stelle neben sektenähnlicher Strukturen etwa eine grundsätzliche Dämlichkeit des korporierten Studenten?

Immerhin verlinkt man aber auch auf eine Info-Seite mit dem Titel „Falsch verbunden?“ des AStA. Wie originell!

Angereichert wird die kurze Prasi-Blog-Information immerhin noch durch einige weitere, marketing-technisch brilliante Formulierungen:

Deine Verbindungsbrüder setzen Dich unter Druck? Du hast ein Problem mit Alkohol? Du bemerkst negative Veränderungen in Deinem sozialen Umfeld? Dich stören die Hierarchien innerhalb Deiner Verbindung? Du willst aussteigen?
(Quelle: http://www.astagreifswald.de/falsch-verbunden.html, Zugriff am 30.11.2011)

Sensationell! Aber irgendwie kommt mir auch der Text bekannt vor!

Ich bin mir sicher, die große mediale In-Szene-Setzung, die man durch das Beratungstelefon nach Göttinger Vorbild erwartet, bleibt für den AStA und die Jusos aus. Aber immerhin, die Berichterstattung über die einschlägigen Greifswalder Blogs und selbst hier im Burschireader-Blog waren gewiss.

Aber wer weiß, vielleicht hat man ja in der Tat einen wahren Kenner der Szene als Berater verpflichten können…

Liebe Verbindungsstudenten, die Ihr vielleicht wirklich in irgendeiner Art und Weise Probleme habt oder schlicht mit falschen Vorstellungen zum Verbindungswesen gekommen seid: Ihr habt mehr als genug qualifizierte Ansprechpartner in Euren Bünden oder meinetwegen auch das Kontaktformular dieser Webseite! Wenn man Euch allerdings erzählt, man könne Euch nach ein paar Tagen Selbststudium in tiefgreifenden individuellen Problematiken helfen, die das Verbindungsleben ggf. mit sich gebracht hat, dann wäre ich per se schon vorsichtig.

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