Erlanger Seifenoper – ein Volk unter Generalverdacht?

Irgendwie war mir klar, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Vor wenigen Wochen haben sich die Gruppierungen wie bspw. die Grüne Liste (GL) im Erlanger Stadtrat oder die Initiative Linke und kritische Studenten (LUKS) für einen ganz tollen Kompromiss feiern lassen: Die Stadt Erlangen bittet die hiesige Friedrich-Alexander-Universität, Verlinkungen auf deren Webseite zu solchen von Studentenverbindungen zu überprüfen und ggf. abzustellen. Die Universitätsleitung hatte aber ihr Statement schon Monate zuvor abgegeben und war schon da nicht willens, den Forderung nach Abschaltung dieser Verweise nachzukommen, sähe sie  schließlich darin (grob gesagt) einen Akt der Willkür. Sehr verwunderlich ist es daher also, wenn nun just LUKS sich darüber brüskiert, dass das Uni-Rektorat ihrem Standpunkt treu bleibt.

Inzwischen zieht man Seitens LUKS aber ganz andere Seiten auf: Nachdem die deutschen Verfassungsschutzbehörden derzeit ohnehin unter Beschuss stehen, schließt man sich dem Gefecht gleich auch für den eigenen Zweck an:

Das Ver­sa­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes auf allen Ebe­nen lässt nicht nur an sei­ner Kom­pe­tenz, son­dern auch an sei­ner Le­gi­ti­ma­ti­on zwei­feln. Auch auf einer Rede des Wun­sie­de­ler Bür­ger­fo­rums wurde dar­auf hin­ge­wie­sen: An­ge­sichts der neu­es­ten Ent­hül­lun­gen um die Rolle der Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter scheint die Nichterwäh­nung im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt als Indiz für eine Un­be­denk­lich­keit einer Bur­schen­schaft oder einer an­de­ren Or­ga­ni­sa­ti­on wohl kein re­lia­bles Kri­te­ri­um mehr zu sein und wäre im Ein­zel­fall zu prü­fen.
(Quelle: http://luks.blogsport.de/2011/12/09/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen, Zugriff am 12.12.2011;
Neuerdings zu finden unter: http://luks.blogsport.de/2011/12/12/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen/)

Prinzipiell kann man von keinem Nachrichtendienst erwarten, dass er eine hundertprozentige Trefferquote hat. Das vermeindliche Versagen im Umfeld der sog. Dönermorde kann man nicht verallgemeinern. Das würde ja in der Folge auch bedeuten, dass nicht nur das, was nicht in den Verfassungsschutzberichten steht, fraglich wäre, sondern auch das, was dort eben schon in Stein gemeiselt wurde. Darüber hinaus arbeiten die Behörden sicherlich auch mit V-Männer in den reihen Linker Aktivisten zusammen, insofern wären auch sämtliche Berichte hierzu als fraglich zu erachten oder auf Vollständigkeit hin zu überprüfen. Die Legitimation solcher Ämter per se nun infrage zustellen, ist schlicht absurd.

Immerhin versucht sich LUKS einmal in Belegen zu der Nähe der Erlanger Burschenschaft Frankonia ins rechtsextreme Millieu. Immerhin können die Damen und Herren zwei Farbenbrüder der Verbindung nennen, die Nähe zum Rechtsextremismus haben bzw. zu haben scheinen. Ein Rechtsanwalt vertritt aus beruflichen Gründen rechtsextreme Straftäter, ein anderer schwenkt zuweilen eine schwarz-weiß-rote Fahne auf dem Balkon der Verbindung. Gut, beide Informationen sind nicht wirklich neu, aber wurden schon sehr lange nicht mehr erwähnt. Das sind nun zwei von schätzungsweise 200 oder 250 Frankonen – also rund ein Prozent ihrer Mitglieder. Da darf man sich schon fragen, was mit den restlichen 198 bis 248 Mitgliedern des Bundes ist. Glaubt man ernsthaft, die beiden würden auf dem Frankonenhaus als die Erleuchtung gefeiert und man würde sie auf Sänften in einem Kneipsaal tragen, in dem die Bundesbrüder der Frankonia knieend wie einem vermeindlichen Neo-Messias huldigen?

Weiter wird sich darüber brüskiert, dass man Seites der EB! Frankonia dieselben Mittel einsetzt, wie es bspw. von der eigene politische Seite seit Jahren betrieben wird:

Dar­über hin­aus wur­den bei einer Kund­ge­bung gegen die Fran­ko­nia Kund­ge­bungs­teil­neh­mer_in­nen ge­zielt ab­fo­to­gra­fiert. Ein Tat­be­stand der stark an die „An­ti-?An­ti­fa“ er­in­nert, die Fo­to­ma­te­ri­al von Lin­ken und An­ders­den­ken­den sam­melt. Die Fotos, sowie Namen und Adres­sen der Na­zi­geg­ner_in­nen wur­den von der „An­ti-?An­ti­fa“ in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im In­ter­net ver­öf­fent­licht, was zahl­rei­che Sach­be­schä­di­gun­gen und An­grif­fe auf An­ti­fa­schis­t_in­nen zu­fol­ge hatte.
(Quelle: http://luks.blogsport.de/2011/12/09/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen, Zugriff am 12.12.2011;
Neuerdings zu finden unter: http://luks.blogsport.de/2011/12/12/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen/)

Ob eine ähnliche Publikation auf den Seiten von Indymedia in diesem Jahr besser war, als man (Gast-)Redakteure der Jungen Freiheit der letzten Jahre inkl. Adresse und Telefonnummer publizierte? Wäre LUKS so konsequent und idealistisch, wie sie sich gibt, würde sie umgehend diesen Link abstellen und sich von Indymedia distanzieren. Man kann von anderen nur Dinge abverlangen, die auch für einen selbst gelten. Zweierlei Maß zu nehmen, das hat in der Geschichte weder bei uns noch in anderen Ländern dauerhaft funktioniert. Teils waren die politische und gesellschaftlichen Folgen verheerend.

Der Rest der neuerlichen Stellungnahme ist reiner Abklatsch vorangegangener LUKS-Meldungen. Neue Erkenntnisse sind nicht zu finden. Nur aber eine erstaunliche Wendung kann man dem Ende entnehmen. Die Damen und Herren der Organisation lassen ihre Maske doch wieder fallen. Waren es anfangs alle Verbindungslinks, die LUKS hat abschalten lassen wollen, ging es zwischendrin nur um den zur EB! Frankonia. Neuerdings kündigt man aber wieder den Kampf gegen alle an:

Wir wer­den das Trei­ben der Fran­ko­nia und an­de­rer stu­den­ti­scher Ver­bin­dun­gen wei­ter­hin genau be­ob­ach­ten und wer­den na­tio­na­lis­ti­sche, se­xis­ti­sche, völ­ki­sche und an­de­re an­ti-?eman­zi­pa­to­ri­sche Ein­stel­lun­gen auch in Zu­kunft nicht to­le­rie­ren.
(Quelle: http://luks.blogsport.de/2011/12/09/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen, Zugriff am 12.12.2011;
Neuerdings zu finden unter: http://luks.blogsport.de/2011/12/12/unverstaendliche-entscheidung-der-universitaetsleitung-zur-verlinkung-der-studentischen-verbindung-frankonia-erlangen)

Vielleicht sollten die Damen und Herren von LUKS sich einmal an die eigene Nase fassen. Genau eben den Moralkatalog, den man von deren Seite aberverlangt, sollte man vielleicht zunächst einmal als eigene Grundlage leben.

Das ist die eine Sache. Die andere geht dahin, dass man sich mit der EB! Frankonia vielleicht einmal direkt aueinander setzen sollte. Bislang steht nur im Raum, dass zwei einzelne Frankonen Kontakte ins rechtsextreme Millieu haben. Welchen Einfluss eben diese beiden widerrum auf den Bund haben, oder gar die Verbindung auf die rechte Szene, darüber kann dem den LUKS-Forderungen nun seit schon fast einem Jahr keine Silbe entnehmen – und das Uni-Rektorat offensichtlich auch nicht. Und genau diese offene Frage ist es aber, die einer gültigen Forderung nach Abschaltung der Links im Wege steht.

Wenn wir nun anfangen, all dass politisch infrage zu stellen, was nicht in einem Verfassungsschutzbericht steht, müsste man die ganze Nation – jeden einzelnen, der dazu gehört – unter Generalverdacht stellen. Solches, dachte ich eigentlich, hätten wir seit rund 21. Jahren halbwegs überwunden. Ob sich die Damen und Herren der Konsequenzen ihrer neuerlichen Forderungsvariation bewusst sind, das sei dahingestellt.

Ein Gedanke zu „Erlanger Seifenoper – ein Volk unter Generalverdacht?

  1. Achtung 2 aus 200 sind 2 Prozent und nicht 2 Promille!
    Sonst erstklassiger Artikel!

    ***
    Danke Curry, sowohl für das Lob, als auch für den Hinweis!

    Der Fehler ist verbessert. Ich habe es vorhin auf Facebook schon mal geschrieben gehabt: Ich habe zwar gesehen, dass das irgendetwas nicht passt, aber ich bin nicht darauf gekommen. Es war Montagmorgen – man möge es mir nachsehen!

    Gruß,
    BR

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