Die sds Halle warnt vor günstigen Studentenbuden

Die Quasi-Abschaffung der Wehrpflicht und auch bspw. der doppelte Abiturjahrgang in Bayern haben in so manchen Hochschulstädten unseres Landes für ein bisher nicht dagewesenen Problem an Wohnungsnot gesorgt. Die linke Hoschulgruppe an der Martin-Luther-Universität Halle, die sds.die linke – Links-Alternative Hochschulgruppe MLU (sds Halle), hat es sich nicht nehmen lassen, dahingehend in einem Fundstück der 41. Kalenderwoche auf das bös- und abartige Treiben von Studentenverbindungen im Zuge der Rekrutierung neuer Fuxen hinzuweisen.

Uns sind mehrere Fälle bekannt geworden, wo zumeist nichts-ahnende Neustudierende zu Zimmerbesichtigungen „auf das Haus“ kamen und einige davon auch einen Mietvertrag unterschrieben haben.

Da erdreisten sich doch tatsächlich die örtlichen Studentenverbindungen, ihre freien Zimmer nicht nur besichtigen zu lassen, sondern gar tatsächlich zu vermieten! Das sind ja vollkommen neue Töne, die man da aus Halle, oder gar aus anderen Universitätsstädten auch, hört?!

Das Phänomen des Wohnens auf dem Haus einer Studentenverbindung, als Nicht-Mitglied der Korporation oder als sog. Fuchs (einem Anwärter auf die Vollmitgliedschaft in einer Studentenverbindung, der sich „erst noch beweisen muss“), ist demgegenüber nicht so eng mit der korporatistischen Traditionspflege verbunden wie mensch annehmen könnte. Gemeinhin wurde das Verbindungshaus bis in die 1930er Jahre für die Kneipe und die Mensur benutzt, während die höher gestellten Funktionsträger, wie der Fuchsmajor (Leitperson der Füchse mit Erziehungsfunktion) auf dem Haus wohnten. Dabei war nicht vorgesehen, alle Mitglieder der Studentenverbindungen auf dem Haus selbst wohnen zu lassen. Vielmehr liegen die Wurzeln des gemeinsamen Wohnens in einer Anordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (kurz: NSDStB), welche die Korporationen nach der alles in allem einvernehmlich vonstatten gegangenen Gleichschaltung 1935/6 ohne weitere Reflektion übernahmen und dies bis heute noch tun. Dem NSDStB ging es unter Baldur von Schirach, dem späteren „Reichsjugendführer“, darum die Neustudierenden so schnell und zeitig wie möglich zu „kasernieren“, sie somit einer permanenten Kontrolle auszusetzen und in einem noch engeren Abhängigkeitsverhältnis zu binden. Zu beobachten ist bei einigen Studentenverbindungen, wie an das eigentliche Haus neue Wohntrakte zu dieser Zeit angebaut wurden, um eben jene „Kasernierung“ zu vollziehen.

Das mag zwar für den Geschichtsinteressierten tatsächlich nicht uninteressant sein, doch frage ich mich, wie man da nun einen Vorwurf kreieren kann. Im Hitlerdeutschland wurden auch Häuser gebaut, es wurde Landwirtschaft betrieben, gefrühstückt und Auto sowie Fahrrad gefahren. Sollte es nun in unseren Köpfen auch verpöhnt sein, Cabrio zu fahren, nur weil der selbst ernannte „Führer“ sich hin und wieder in einem hat ablichten lassen? Es soll tatsächlich auch Mitbürger geben, die im Cabriofahren ein Stück Selbstverwirklichung sehen – sind diese nun rechts-braun, weil Hitler auch gerne „oben ohne“ gefahren ist?

Ernsthaft, Beweggründe ändern sich mit der Zeit. Was sollte aus heutiger Sicht schlecht daran sein, gerade Studierenden eine günstige Bleibe zu bieten, wenn dies denn möglich ist? Würden Verbindungen ihre Zimmer zu marktüblichen Preisen anbieten, würde es heißen, dass man dort nur die Kinder reicher Eltern haben wollte, also Standesgedünkel herrschen würden.

Nach der „Logik“ die die sds Halle hier an den Tag legt, müssten auch Jugendherbergen unbedingt gemieden werden. Auch diese wurden ab 1933 von Hitlers Helfern geleitet (siehe hier). Einen recht großen Widerstand kann ich aus den Angaben der DJH nicht ableiten. Eine solche Verurteilung in heutigen Zeiten wäre genauso unbegründet wie die, die die sds Halle gegen das Verbindungswesen anstellt. Überdies wäre nach der sds Halle das studentische Leben, bspw. auch in Studentenwohnheimen, generell zu verurteilen.

In Halle werben die Studentenverbindungen mehr verdeckt als offen mit ihrem billigen Wohnraum, inklusive Gemeinschaftsgefühl, kollektiven Besäufnissen und schmerzhaften Fechtkämpfen. Auf Portalen wie „wg-gesucht“ ist der einzige Anhaltspunkt eine auf den ersten Blick unscheinbare Webadresse, ohne dass die Verbindungen in den meisten Fällen explizit auf ihren Charakter als Korporation aufmerksam machen würden.

Verrückt, Studentenverbindungen bewerben ihre Zimmer nicht nur, sie tun es auch noch online! Hand aufs Herz, wer wusste von seinem Vermieter vor einer Wohnungsbesichtigung schon, was dieser beruflich macht? Die Zahl dürfte sich tendenziell gegen Null bewegen. Im Übrigen glaube ich kaum, dass eine Verbindung ein normales Zimmerangebot mit der Aussicht auf einem Fechtkampf ausschreibt. Das scheint mir dann doch recht zweifelhaft. Zudem wären die potenziellen Mieter dann eben nicht mehr nur Mieter, sondern auch Füxe bzw. Mitglieder des Bundes, auf dessen Haus sie leben. Ich habe das Gefühl, die Autoren des sds-Blogeintrags haben sich an dieser Stelle eine recht subjektive und eigenbrödlerische Realität geschaffen, die sie haben beschreiben wollen.

Bei der Besichtigung der Wohnung erleben die meisten Studierenden dann eine skurrile Situation aus Männerbund, zumeist Mobiliar aus dem 19.Jahrhundert samt Schwertern und Fahnen an den Wänden sowie das ungute Gefühl, hier „falsch verbunden“ zu sein.

Möbel aus dem 19. Jahrhundert sind also per se zweifelhaft!? Es gibt durchaus auch jüngere Mitmenschen, die die handwerklichen Leistungen alten Mobiliars zu würdigen wissen und sich gar darum reissen. Viel zu oft werden solche Schmuckstücke bspw. bei Wohnungsauflösungen aus Unwissenheit arglos weggeworfen. Davon einmal abgesehen, kann man sich überall „falsch verbunden“ fühlen. Das in einem solchen Zusammenhang in einem Vorwurfskontext zu stellen ist realitätsfern.

Dies ist aber nicht immer der Fall: so kann es auch passieren, dass Neustudierende ohne ihr eigenes Wissen über die Gefahren und die berechtigte Kritik am Verbindungsleben sich schnell als Mitglied auf Probe in der Gemeinschaft wieder finden. Die „Fuchsenjagd“ hält die Männerbünde und anschließenden Seilschaften, den Sexismus und Autoritarismus innerhalb und auch außerhalb der Korporation am Leben.

Und hier offenbart sich letztlich das fachliche Unwissen des oder der Autoren des sds-Beitrags. Wesen und Lebensgefühl einer Verbindung zu erklären, das vermögen wahrscheinlich wirklich wenige. Es ist das tatsächliche Erleben der Gemeinschaft, durch die man das Verbindungswesen in seiner Bedeutung begreift… und durch das man den Wert für sich selbst erfassen kann. Kommt man während der Fuchsen-, also der Probezeit, zu der Erkenntnis, dass das Verbindungswesen nichts für einen ist, dann tritt man dem Bund eben am Ende nicht bei. Ich frage mich, wo das Problem bei solch einem Modell sein soll. Für mich klingt es eigentlich recht fair, wenn man unverbindlich derart tief in eine Organisation einblicken darf, bevor man sich dazu entschließt, diese tiefergründig zu unterstützen.

Auch der Beitritt zu einer Verbindung beruht noch immer auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Welche Vor- und Nachteile das für den einzelnen bieten kann, diese Bewertung sollte man einem Abiturienten bzw. Hochschulzugangsberichtigten nicht absprechen.

Gerade deshalb ist das Werben der Studentenverbindungen am Anfang des Semesters so gefährlich, ist es doch mehr als notwendig auch in Halle mit seiner langen Universitätsgeschichte Aufklärung zu betreiben und Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu üben. Wir können nur jedem (in seltenen Fällen auch jeder) raten, der/die in einen Mietvertrag bei einer Studentenverbindung eingewilligt hat diesen zu kündigen! Auch wenn die Wohnungssituation in Halle derzeit katastrophal ist, finden wir zusammen sicherlich eine Lösung.

Ablehnung ohne alternativen Lösungsansatz. Wäre solch eine Einstellung nicht zwischenzeitlich in unserer Gesellschaft an mancher Stelle so tief verwurzelt, würde ich mich hierbei doch glatt darüber aufregen. Wo soll die Lösung bei einer katastrophalen Wohnungsnot liegen? Stellt die sds Halle nun Trockenbauwände unter Brücken auf? Fließendwasser liefert ja dann immerhin der Bach, über den die Brücke gebaut wurde.

Hauptsache und Hintergrund des sds-Blogartikels kann doch nur gewesen sein, aufzuschreien und unreflektiert Position zu beziehen. Von einer politischen Hochschulgruppe, die  sich anmaßt, Studierende einer Universität zu vertreten, erwarte ich mehr Substanz und Reflektion – gleich welcher Couleur diese Hochschulgruppe sein mag.

Die Zitate beziehen sich auf den Artikel Fundstück der 41. Kalenderwoche, unter der URL http://sdsmlu.blogspot.com/2011/11/fundstuck-der-41-kalenderwoche.html (letzter Zugriff am 08.11.2011)

3 Gedanken zu „Die sds Halle warnt vor günstigen Studentenbuden

  1. Zur geschichtlichen Frage des Wohnens auf dem Haus:
    So eindeutig, wie der sds Halle versucht, die geschichtliche Entwicklung darzustellen, ist die tatsächliche Entwicklung gar nicht. Ich kann zu dieser Frage in der Tat Stellung beziehen, da ich mich wissenschaftlich mit der Entstehung von Verbindungshäusern – exemplarisch an einem Göttinger Beispiel – beschäftige. So liegt in diesem Falle konkretes und eindeutiges Quellenmaterial aus dem Jahre 1901 vor, in der die Frage von Studentenzimmern auf dem Haus thematisiert wurde. Dass bis 1918 die Zahl der tatsächlich in Verbindungshäusern wohnenden Studenten anteilig gesehen eher gering war, lag am (Über-)Angebot billiger Privatzimmer. Mit den steigenden Studentenzahlen im 20. Jahrhundert verändert sich aber das Verhältnis langsam und kontinuierlich, ohne das es „nationalsozialischer Effekte“ bedurfte.

    Zum anderen unterscheidet sich die Idee des Kameradschaftshauses essentiell vom „typischen Studentenzimmer“. Richtig ist, dass es ab 1933 bei der Einrichtung von Kameradschaftshäusern im Wesentlichen um eine „Kasernierung“ ging (wenn auch bis zur Zerschlagung des freiwilligen Verbindungswesens 1935 eine um eine freiwillige). Mit einer derartigen Kasernierung ging aber auch immer einher, dass sich (eben wie in einer Kaserne) je nach Größe des Zimmers rund sechs bis acht Bewohner ein Zimmer zu teilen hatten – incl. Schlafen im Hochstockbett und dem Spind als einzigem Schank für Persönliches.

    Das „Wohnen auf dem Haus“ dem Kameradschaftshaus der nationalsozialistischen Zeit gleich zu setzen ist folglich nicht weniger als eine Geschichtsverfälschung.

  2. Seit Jahren betreiben viele „Hochschulgruppen“ aus dem eher linken Weltsichtspektrum eine von der Allgemeinheit der Studierenden finanzierte Hatz gegen sämtliche Korporationen. (Übrigens liegt die Wahlbeteiligung an Unis im Durchschnitt bei unter 30%…welch glorreiche Legitimierung…). Dieser „Kampf“ ist auch nicht verwunderlich! Wissen es doch vor allem die „klassenkampfgeschulten“ „Vertretungen“, daß die in der basisdemokratischen Tradition stehenden Verbindungen (sic!) eine große und vor allem nicht „gleichschaltbare“ Konkurrenz für diejenigen stellen, die die „Wahrheit“ für sich gepachtet haben. Das war bereits 1815, 1848, 1870,1871, 1890, 1905, 1914,1918,1920, 1925,1933,1950,1961,1968,…1990 der Fall! An großspurigen -staatlich protegierten – Gegnern, hat es zu keiner Zeit gemangelt! Und alle diese Gegner versuchten „moralisch“ zu argumentieren. Sie alle stellten das Eintreten in eine Korporation jenseits der (damls jeweils) geltenden Moral. Ihre Angst vor der Unkontrollierbarkeit der Korporationen und dem Bekanntwerden der – von ihnen unterdrücken – Wahrheiten ist immens. Und diese Angst der staatlich protegierten Gegner hat es zu allen Zeiten gegeben. Korporationen sind für die selbsternannten „Klassenkämpfer“ deshalb brandgefährlich, weil die Struktur der Korporationen eine „Gleichschaltung“ unmöglich macht. Korporationen können im Kampf gegen Nazis bereits auf ihre Geschichte verweisen. Die besagten „klassenkämpfer“ sind diesen Beweis bis jetzt noch schuldig geblieben und versuchen deshalb krampfhaft, einen „Kampf“ gegen „Nazis“ zu konstruieren. Dabei werden mit der Vokabel „Nazi“ – wahrscheinlich aus Verzweiflung – gerne sämtliche Gruppierung bedacht, die nicht 100%ig mit der eigenen Meinung übereinstimmen.

  3. Zur geschichtlichen Frage des Wohnens: Während der Studienzeit verkehrte ich bei einer Korporation, die ursprünglich aus Leipzig stammte. Die hatten bereits 1908 – wahrscheinlich in vorauseilendem Gehorsam? Verzeihung für die KalauerInnen! – über 15 Studentenzimmer angeboten. Baldur von Schirach dürfte sich ungefähr zu diesem Zeitpunkt vor Freude in der Wiege gedreht haben… – Ich verstehe nicht, wieso Verbindungsstudenten das dümmliche „Mit Dreck bewerfen“ durch die gefährlichen faschistoiden Linksextremisten überhaupt versuchen, mit Argumenten zu begegnen. Zeigt doch lieber, wie tief die besagten Gruppierungen im Sumpf der „Berufsdemonstranten“, „Dauernörgler“, „gewaltbereiten Straßenkämpfer“, „linken Freicorps“, „faschistoiden Ideologien“, usw verstrickt sind. Es gibt genug öffentlich gemachte Verbindungen zu verfassungsfeindlichen Kreisen bei diesen Gruppierungen. Nehmt doch endlich den „Fehdehandschuh“ auf – und bekämft sie offensiv mit Argumenten über deren gefährlichen und teilweise verfassungsfeindlichen Netzwerke….

Schreibe einen Kommentar


*