Die Hannover Nordstadt: Verbindungen als der unabdingbare Quell rechtsextremer Straftaten

Wieder einmal muss der Eisenacher Burschentag des vergangenen Jahres für eine politische Hetzkampagne herhalten. Im Stadtbezirk Nord Hannovers stellt nun die SPD-Fraktion eine Anfrage an die örtliche Bürgermeisterin hinsichtlich des hiesigen Verbindungswesens. In dem entsprechenden Schriftstück, welches aus meiner Sicht thematisch und auch sprachlich wirklich unbeholfen wirkt, führen die Damen und Herren Sozialdemokraten in das Thema ein:

Der Stadtbezirk Nord ist Universitätsstandort. Das hat zur Folge, dass auch Verbindungen, Burschenschaften, Turnerschaften, Corps im Stadtbezirk eine Rolle spielen.

Das ist ja soweit schon einmal ganz gut erkannt. Zugegeben kenne ich die örtlichen Begebenheiten Hannovers nicht, doch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es nicht nur im Norden der Stadt Verbindungen gibt. Aber sei es drum, ich möchte nicht päpstlicher als der Papst erscheinen.

In der Vergangenheit gibt es eine Häufung von Zeitungsberichten und persönlich vorgetragenen bzw. erlebten Vorfällen mit ordnungswidrigem oder strafrechtlichem Charakter mit diesen Vereinigungen, die eine öffentliche Debatte nötig machen.

Die persönliche vorgetragenen bzw. erlebten Vorfälle gefallen mir in einer politischen Diskussion immer ganz besonders. Egal, ob es sich um korporativ-spezifische Themen handelt oder um einfache Alltagsgeschichten, so ist solcher Tratsch – und von nichts anderen ist hier die Rede – in aller Regel übertrieben und/oder sehr subjektiv dargestellt. Ich fühle mich bei dieser Textpassage an den Song „Lasse rede“ der deutschen Rockband „Die Ärzte“ erinnert. Genau solche „persönlich vorgetragenen bzw. erlebten Vorfälle“ sind es, die – so auch in dem Lied beschrieben – zu Vorverurteilungen führen, die mit Realitäten oftmals nicht mehr wirklich etwas zu tun haben. Eigentlich, so meine Meinung, sollte man gerade in der Politik über solche „Quellen“ hinweg sein.

Hinzu kommt eine offene Verbindung insbesondere der Deutschen Burschenschaft zu rechtsextremen Gedankengut. Dieser Dachverband fast aller Burschenschaften diskutierte im Rahmen ihrer Jahrestagung 2011 offen über die Frage, wie „deutsch“ der Stammbaum eines Mietglieds sein müsse. Die Zeitschriften „Zeit“, „Spiegel“, „Welt“ etc. haben diese Debatte treffend „Blut-und-Boden“-Debatte genannt. So wurde offensichtlich insbesondere auf die „Reinheit und Überlegenheit“ „deutscher Gene“ verwiesen. Im Stadtbezirk Nord befinden sich mehrere Burschenschaften, die Mitglied der Deutschen Burschenschaft sind.

Die Diskussion um den deutschen Stammbaum wurde 2011 nicht „offen“ geführt, sondern von den Medien an die Öffentlichkeit gezerrt – nicht dass es das besser machen würde. Wer die Debatten darüber verfolgt hat, der wird sich sicher auch daran erinnern, dass hier nicht in trauter Einigkeit diskutiert wurde, wie man es hier gerne versucht darzustellen, sondern dass hier gegensätzlichste Meinungen sowohl innerhalb der Deutschen Burschenschaft (DB), aber auch des Verbindungswesens frontal aufeinander geprallt sind. Die DB hat von vielen Seiten – vor allem aus dem Verbindungswesen und vor allem auch aus den eigenen Reihen – massive Kritik einstecken müssen. So sind eben aufgrund dieser Diskussion einige Bünde in der Zwischenzeit aus dem Dachverband ausgetreten.

Darüber hinaus sind nicht „fast alle“ Burschenschaften Mitglied der DB. Alleine 40 Verbindungen, die sich selbst Burschenschaft nennen, sind in den Dachverbänden der Neuen DB und des BDIC organisiert. Das sind alleine rund 1/3 der Burschenschaften in Deutschland. Wir sind hier sehr weit weg von dem, was man als „fast alle“ bezeichnen könnte. Es wäre ein Leichtes gewesen, diese Zahlen im Internet zu recherchieren – mich hat das eben um die fünf Minuten gekostet.

Die Basis für die eigentliche Anfrage an die Hannover Bezirksbürgermeisterin beruht also schon auf Ungenauigkeiten und evtl. auch böswilligen Unterstellungen.

Die SPD-Fraktion schließt ihr Schreiben mit den folgenden eigentlichen Anfragen:

1. Wie viele Polizeieinsätze in Zusammenhang mit Verbindungen, Burschenschaften, Turnerschaften, Corps und ähnlichen „akademischen Vereinigungen“ gab es 2011 im Stadtbezirk Nord? Wie viele Einsätze waren es 2010 und 2009? Welche Gründe haben für diese Einsätze gesorgt? Gibt es anhängige oder abgeschlossene Strafverfahren aus dem Zusammenhang dieser Einsätze?

Es geht den Damen und Herren der SPD  hier offensichtlich nicht um Differenzierung und die mögliche Anprangerung rechter Vereinigungen, sondern sie  zeigen hier eine pauschale Vorverurteilung des Verbindungswesens per se. Allerdings bin ich tatsächlich auf die Antwort und die möglichen Ursachen möglicher Polizeieinsätze gespannt.

2. Gab es in den besagten Zeiträumen Fälle von Polizeieinsätzen im Stadtbezirk Nord, bei der ein rechtsradikaler oder rechtsextremer Hintergrund angenommen wird?

Ich stelle mir gerade die Frage nach dem Sinn eben dieser Frage. Was hat es mit dem Verbindungswesen zu tun, wenn bspw. bei einem rechtsextremen Idioten, der vielleicht gerade die Hauptschule mit Ach-und-Krach geschafft hat, eine Hausdurchsuchung aufgrund rechter Hintergründe stattgefunden hat. Diese Frage hat mit der eigentlichen Thematik der Anfrage gar nichts zu tun. Die Antwort, so sie denn kommen mag, kann nur darauf abzielen Zusammenhänge herzustellen, die es so gar nicht gibt.

Nicht anders verhält es sich mit der folgenden Frage:

3. Gab es in den besagten Zeiträumen Fälle von Polizeieinsätzen im Stadtbezirk Nord, bei der ein rassistischer, sexistischer, homophober oder antisemitischer Hintergrund angenommen wird?

Was hat es denn mit dem Verbindungswesen zu tun, wenn der beispielhafte rechtsextreme Idiot aus Frage 2 zuvor einen jüdischen Mitbürger beschimpft hat und so den Anlass für die Hausdurchsuchung gegeben hat? Richtig, gar nichts.

Die Anfrage beweist nur einmal mehr, wie man aus einem heißen gesellschaftlichen Thema mit aller Gewalt Kapital schlagen möchte. In sich ist diese Anfrage vollkommen unsinnig. Mit Recht darf man sich fragen, was das denn soll! Alleine schon aufgrund der offensichtlichen Ermangelung an politischer Qualifikation wäre für mich die Hannover Nord-SPD unwählbar. Von gewählten Politikern erwarte ich mir dann doch ein weitaus höheres Maß an Professionalität. Über diese Anfrage kann man in der Tat nur den Kopf schütteln.

 

Die Zitate beziehen sich auf die genannte Anfrage des SPD-Fraktion vom 16.01.2012. Sie ist zu finden unter der URL https://e-government.hannover-stadt.de/lhhsimwebre.nsf/SIMFrameset?OpenFrameSet&Frame=NotesView&Src=https://e-government.hannover-stadt.de/lhhsimwebre.nsf/0/BD40038B2A3D3EECC125798A0013DF1E?OpenDocument&AutoFramed bzw. dem PDF unter der URL https://e-government.hannover-stadt.de/lhhSIMwebdd.nsf/0659DF9D85F5951BC1257987004BDD1F/$FILE/Druckversion.PDF  (Letzter Zugriff auf beide Dokumente am 24.01.2012)

2 Gedanken zu „Die Hannover Nordstadt: Verbindungen als der unabdingbare Quell rechtsextremer Straftaten

  1. Ich habe mir erlaubt, die Anfrage der Hannoverschen SPD aus dem Bezirk Nord entsprechend sinnstiftend umzuformulieren:

    Der Stadtbezirk Nord ist Universitätsstandort. Das hat zur Folge, dass auch Parteien, und studentenpolitische Randgruppierungen im Stadtbezirk eine Rolle spielen.In der Vergangenheit gibt es eine Häufung von Zeitungsberichten und persönlich vorgetragenen bzw. erlebten Vorfällen mit ordnungswidrigem oder strafrechtlichem Charakter mit diesen Vereinigungen, die eine öffentliche Debatte nötig machen. Hinzu kommt eine offene Verbindung insbesondere einiger Jungsozialisten zu linksextremen Gedankengut. Im Stadtbezirk Nord befinden sich mehrere Parteien, die Mitglied linksextremer Ideologievertretungen sind.
    Vor diesem Hintergrund fragen wir die Verwaltung und bitten um eine ausführlich Unterrichtung der
    Mitglieder des Stadtbezirksrates Nord, auch zwischen den verschiedene Organisationsformden differenziert.

    1. Wie viele Polizeieinsätze in Zusammenhang mit der SPD, Jungsozialisten, Marxisten, Leninisten und ähnlichen „Parteien “ gab es 2011 im Stadtbezirk Nord? Wie viele Einsätze waren es 2010 und 2009? Welche Gründe haben für diese Einsätze gesorgt? Gibt es anhängige oder abgeschlossene Strafverfahren aus dem Zusammenhang dieser Einsätze?
    2. Gab es in den besagten Zeiträumen Fälle von Polizeieinsätzen im Stadtbezirk Nord, bei der ein linksradikaler oder linksextremer Hintergrund angenommen wird?
    3. Gab es in den besagten Zeiträumen Fälle von Polizeieinsätzen im Stadtbezirk Nord, bei der ein multikultureller, religiöser, ethnischer oder antisemitischer Hintergrund angenommen wird?

  2. Der AStA der Universität hannover bietet unter dem Titel „Den Füchsen gute Nacht sagen“ seit einigen Jahren ein „Stadtrundgang zu Verbindungeshäusern“ an. Ich habe mir einmal das Vergnügen bereitet und habe an einem solchen teilgenommen. Nur sovie vorab: Es hat sich nicht wirklich gelohnt.

    Die Begrüßungansprache übernahm eine der üblichen zerlumpten und in diesem Fall weiblichen Gestalten, die die vom AStA verschiedentlich angemahnte Toleranz mit der Aufforderung veranschaulichte: „Ach ja, wenn sich unter euch irgendwelche Burchenschafter befinden: Verpisst euch!“ Der Zug führte über zwei Stunden zu den Häusern verschiedener Verbindungstypen, vor denen kurze Einführungen zu den einzelnen Korportionen gehalten wurden. Im beobachteten Fall waren sie weder besonders aggressiv noch besonders informativ. Vielmehr bewegten sie sich überwiegend unterhalb des Wikipedia-Niveaus. Soweit es um reine Sachdarstellungen ging, ging das partiell sogar durchaus in Ordnung. Abenteuerlich wurde es immer dann, wenn aus falsch verstanden Sachverhalten aberwitzige politische Schlussfolgerungen gezogen wurden. Diesem Umstand war es dann wohl auch geschuldet, dass der Zug von zwei Einsatzwagen der Polizeit begleitet wurde. Nach den Erfahrungen der Vorjahre rechnete diese mit Sachbeschädigungen, wie ich dem Gespräch eines Polizisten mit einem der Veranstalter entnahm.

    Das Problem der ganzen Aktion liegt eigentlich darin, dass zwei Drittel der Teilnehmer tatsächlich vollkommen ahnungslos waren, was Korporationen sind, und sich eine objektive Information erhofften. An dieser Stelle könnte es sich lohnen, den Spieß einmal umzudrehen: Warum tun sich nicht einmal Vertreter verschiedener Verbindungstypen an einen Hochschulort zusammen, um selbst einen solche Rundgang u Verbindungen anzubieten? Wenn man den Aufenthalt je Haus auf eine halbe Stunde begrenzt, könnte man an einem Abend den gängigsten Typen vorstellen. Inwieweit dabei die Öffentlichkeitsarbeit einen Ansatz für daran anzuknüpfende Keilarbeit bieten kann, müsste man einfach mal ausprobieren.

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