Zu Beginn des Wintersemesters war es ja “in” gegen Zimmerangebote von Studentenverbindungen zu wettern. Zwei solche Aktionen aus Hannover und Halle habe ich in den letzten Tagen auch hier bedacht. Selbst der TAZ ging die neuerliche Hetze offenbar zu weit und versuchte sich an einer anderen kritischen Perspektive. Sie untersuchte im Artikel Kein Bett bei den Burschen das
Zivilisierungspotenzial rein wohnungssuchender Studenten[, die] einfach ein billiges Zimmer [suchen].
(Quelle: http://taz.de/Warnung-an-Studienanfaenger/!81467/, Zugriff am 17.11.2011)
Der AStA Hannover konnte mit dieser anderen, ebenfalls verbindungskritischen Sichtweise offenbar recht wenig anfangen, fühlte sich beleidigt und gar genötigt, eine Stellungnahme wiederrum zu dem TAZ-Artikel zu verfassen. Dass man sich dabei in der Interpretation des TAZ-Artikels vollkommen vertan hat, das gibt der Stellungnahme eine besonders witzige Note. Es geht schon recht früh los:
Wenn das Zivilisierungspotenzial von Corps und Burschenschaften darin liegt jungen Männern beizubringen, dass es cool und völlig normal sei „Coleurdamen“ zu vögeln…
Weiter braucht man den Satz gar nicht zitieren, denn der TAZ-Autor schreibt vom Zivilisierungspotenzial der Zimmersuchenden auf Burschenschaften, Corps usw – also eben nicht vom Einfluss der Verbindungen auf deren (nichtkorporierten) Hausbewohnern.
Weiter versucht sich der AStA in einer Rechtfertigung über die Emanzipationsschiene:
Diese Aussage zeigt doch, dass der Autor nicht verstanden hat, dass „einfach mal zu vögeln“ die Frau schon zu einem Objekt stilisiert hat,…
Glaubt die Damen und Herren des AStA etwa tatsächlich, das weibliche Studenten nicht auch “einfach mal vögeln” wollen? Heutzutage darf prinzipiell jeder mit dem vögeln – solange es in gegenseitigem Einvernehmen geschieht. Es sei jedem gegönnt! Was der AStA als emanzipiert versucht zu verkaufen ist genau das Gegenteil. Der AStA spricht hier der Frau jegliche Selbstbestimmung ab. Hier kann man sich ernsthaft fragen, in welchem Jahrhundert der AStA stehen geblieben sein mag.
Ganz im Gegenteil sollte es einem sich vermutlich in irgendeiner Form als kritisch betrachtenden TAZ-Schreiberling doch eigentlich klar sein, dass innerhalb eines strukturkonservativen Verbunds, wie sie Studentenverbindungen nun einmal sind, wenig Potenzial für eine progressive Veränderung von unten gibt. Wer während seiner Fuxs-Zeit nicht erkannt hat, in was für eine Scheiße er da geraten ist und das mit einem sofortigen Austritt quittiert, hat die Prinzipien und Normen des Verbindungswesens schon so weit internalisiert, dass er ebenjene in seiner Zeit als Vollmitglied einfach stumpf reproduzieren wird.
Wenn man das so liest, dann könnte man den Eindruck gewinnen, als hätte sich das Verbindungswesen in den vergangenen Jahrhunderten in keinster Weise verändert. Das Verbindungswesen hat gerade deswegen überlebt, weil es sich verändert hat, ohne aber seine Wurzeln und Bewährtes aus den Augen zu verlieren. Insofern kann man dem Verbindungswesen vielleicht einiges vorwerfen, aber sicherlich keine “stumpfe Reproduktion“. Das wäre genau das Gegenteil der freiheitlichen Ideale, denen das Verbindungswesen zugrunde liegt – die Begründer würden sich im Grabe herumdrehen. In die Schublade stumpfer Reproduktion fällt allenfalls die seit Jahrzehnten immer wieder mit den selben ausgelutschen Argumenten durchgekaute und unreflektierte Verbindungskritik.
Bei den Burschenschaften hingegen gibt es kein Wahlrecht. Da fängt man unten an und hofft, dass man es irgendwann in der Hierarchieleiter ein bisschen weiter nach oben schafft, damit man endlich selber die Befehle an die Jüngeren geben kann.
So ein Blödsinn! Das Verbindungswesen ist demokratischer aufgebaut, als die meisten anderen Organisationen, die ich kenne. In Studentenverbindungen werden den Belangen verschiedener Interessengruppen (bspw. Alte Herren und Aktivitas) durch eigene Mitgliederversammlungen, den sog. Conventen, Rechnung getragen. In diesem Conventen werden auch die Chargierten und Alt-Herren-Vorstände gewählt. Diese sind den entsprechenden Conventen wiederrum zur Rechenschaft verpflichtet. Nicht anders verhält es sich hier bei einem AStA, der in aller Regel von einem Studierendenparlament gewählt wurde und eben von diesem auch kontrolliert wird.
Füxe haben in der Tat oft/meist keine Stimme in den Conventen. Der Grund ist ganz einfach: sie sind eben noch keine (Voll-)Mitglieder. Ich setze mich ja bspw. auch nicht in eine Mitgliederversammlung der Grünen und wähle dort als Gast pauschal deren Vorstand mit. Insofern treten Füxe auch gar nicht aus einer Verbindung aus, sie treten ihr erst gar nicht bei, wenn sie sich mit ihr nicht identifizieren können.
Dieser Artikel kommt einem Kommentar gleich ohne als dieser gekennzeichnet zu sein. Wir fordern die TAZ auf eine Gegendarstellung zu veröffentlichen.
Wenn sich der AStA an weiter lächerlich machen will, bleibt er auf dieser Forderung bestehen. Allerdings würde ich den Damen und Herren der studentischen Vertretung raten, den TAZ-Artikel nochmals genau zu lesen. Spätestens dann sollte dem AStA auch das Licht aufgehen, dass es gar keine Veranlassung für eine Gegendarstellung gibt.
Soweit nicht anders beschrieben, sind die Zitate dem Artikel “Stellungnahme zum Artikel „Kein Bett bei den Burschen“ vom 08.11.2011 in der TAZ”, zu finden unter der URL http://pc2.asta.uni-hannover.de/index_html/stellungnahme-zum-artikel-201ekein-bett-bei-den-burschen201c-vom-08.11.2011-in-der-taz (letzter Zugriff am 17.11.2011)

Am meisten stört mich tatsächlich, dass uns vorgeworfen wird, es gäbe nur Hierarchien, aber keine Demokratie. Ich habe aber selten einen demokratischeren Haufen erlebt als meine Bundesbrüder (für andere Bünde gilt sicher gleiches, da ich aber nicht auf dem Convent einer anderen Verbindung sitze kann ich das nicht beurteilen). Ich habe parallel mal in einer eher links geprägten Organisation gearbeitet. Dort sprach man immer von “Basisdemokratie” und wollte sich keine Satzung geben. Das Ende vom Lied war, das ein paar Leute ihre Entscheidungen über den Köpfen anderer gefällt haben – soviel dazu. Das trifft sicher auf die Mehrheit solcher Organisationen nicht zu, allerdings ist eine ausgearbeitet Satzung und eine strickte Aufgaben- und Kompetenzverteilung schon hilfreich, wenn man Demokratie leben möchte.
lG RM
http://www.dieburschenschaften.de/aktuelle-berichte/bericht/meldung/779/asta-hannove.html