Jul 072011
 

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Am 16. Juli feiert die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) ihr 50-jähriges Bestehen in München. Die BG gilt als das ‘Rechtsaußen’ deutscher und österreichscher Studentenverbindungen. Die meisten ihrer Mitgliedsbünde gehören auch der Deutschen Burschenschaft (DB) an. Für die antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a) ist das Anlass, nicht nur gegen die BG, sondern gegen das gesamte Verbindungswesen zu wettern. So widmet diese Organisation eine ganze Artikelserie der ‘Aufklärung’ über die Verbindungsszene. Dabei feuert man allerdings gerne auch einmal am Thema vorbei.

Aus antifaschistischer Sicht versucht man sich in dem Artikel Die (Selbst-) Darstellung der Burschenschaften in den Medien der Wahrnehmung des Verbindungswesens über die Medien anzunehmen. Dabei beruft man sich u.a. auf den Münster-Tatort ‘Satisfaktion’: Der Pathologie Prof. Dr. Böhne (Jan Josef Liefers) wird hier von seiner Vergangenheit in einer schlagenden Verbindung eingeholt. Darüber hinaus werden zwei Berichterstattungen – eine aus der BILD-, eine andere aus der Süddeutschen Zeitung – begutachtet.

Beklagt wird, dass

“in den Massenmedien [...] Studentenverbindung nicht häufig Thema [sind]. [...] Meist wird die Thematik nur sehr oberflächlich angekratzt, was auch für die kritische Berichterstattung gilt, wie z. B. kürzlich zum Burschentag der DB in Eisenach (Stichwort “Ariernachweis”).”
(Quelle: Die (Selbst-) Darstellung der Burschenschaften in den Medien, Zugriff am 06.06.2011)

Bis dahin kann ich noch nicht einmal großartig widersprechen kann. Die Damen und Herren von a.i.d.a. sind also offensichtlich der Meinung, dass man sich mit dem, was unsere deutschen Medien zum Verbindungswesen zu bieten haben, unmöglich eine halbwegs fundierte Meinung bilden kann. Sehr richtig!

Allerdings ist es auch nicht so, dass das Verbindungswesen nun den Durschnittsdeutschen so beschäftigen würde, wie bspw. die Angst um den eigenen Arbeitsplatz oder die Sorge um das Leben im hohen Alter. Das Verbindungswesen ist dahingehend nicht massenmedientauglich, als dass es die Headlines unserer Presse bestimmen könnte. Es ist aber erstaunlich, dass so mancher Verbindungsgegner glaubt, dass das Verbindungswesen den Nabel der Welt darstellen würde, man sich in der Verbindungsszene aber selbst gar nicht so wichtig nimmt. Auf der anderen Seite sollte es aber dennoch fundiertes Hintergrundmaterial zum Thema geben, wenn Verbindungen dann doch einmal – und manchmal vielleicht sogar zurecht – kritisch in den Medien auftauchen.

Der Tatort Münster: Satisfaktion…

Den Mitarbeitern von a.i.d.a. sei gesagt, das solche Krimis i.d.R. zu einem großen Teil aus Fiktion bestehen. Auch sei angemerkt, dass das exemplarische Wesen des Münster Bundes, eben nur ein Ausschnitt dessen ist, was das Verbindungswesen zu bieten hat. Es wird bemängelt, dass nur das rituelle Verbindungsleben dargestellt und die politische Ebene nahezu ausgeblendet würde. Warum sollte die Politik auch in das Zentrum des Tatorts gestellt werden, wenn sie gar keine Rolle für die erzählte Geschichte spielt? Diesen Film als Beispiel für die Darstellung des Verbindungswesens in Massenmedien heranzuziehen ist daher auch recht unglücklich, wenn man eben die politische Rolle solcher Bünde darstellen möchte.

…und was die BILD-Zeitung daraus gemacht hat.

Eigentlich geht es den Damen und Herren von a.i.d.a. aber auch nicht wirklich um den Tatort an sich, sondern darum, was die BILD-Zeitung im nachhinein daraus gemacht hat. Bei der Bewertung geht es allerdings recht wirr zu.

In Bezug auf die Entstehung von Verbindungen folgt nach dem Hinweis auf die Revolution 1848 der Satz: “Alle Korporationen wurden unter den Nazis verboten.” Weitere Erklärungen oder Hinweise bleiben aus, z. B. dass ein Großteil als Kameradschaften im NS-Studentenbund weiter existierte und auch das 1945 tatsächlich und zwar durch die Alliierten erlassene Verbot überdauerte.
(Quelle: ebd.)

Zwar hat a.i.d.a. viele Quellen in ihrem Text angegeben, doch was in diesem Teil konkret ein “Großteil” sein soll, bleibt ungeklärt. Selbst mich würde belegtes Zahlenmaterial interessieren. Lesenswert ist der entsprechende Wikipedia-Artikel zu den studentischen Kameradschaften. Zahlen werden zwar auch dort nicht genannt, doch ist es interessant, dass die Kameradschaften keineswegs so gleichgeschaltet waren, wie es sich die Reichsführung vorgestellt hatte (siehe Abschnitt “Erfolgreiche Unterwanderung“).

Studentenverbindungen waren nach 1945 sicherlich nicht die wichtigsten Organisationen, die es zum Wideraufbau unseres Landes gebraucht hat, daher hat man sich natürlich nicht umgehend mit ihnen befasst. Doch gabe es schon 1948 erste Wiedergründungen im Verbindungswesen. Wenn man bedenkt, dass deutschen Städte teils völlig zerstört waren und das Land von Grund auf wieder aufgebaut werden musste, scheinen mir drei Jahre als sehr schnell. Viele Gesetzvorhaben brauchen heute, trotz Mittel modernster Kommunikation, weitaus länger. Im Übrigen wurde die Gründung einer jeden Organisation durch die Alliierten intensiv geprüft. Studentenverbindungen waren hier keine Ausnahme. Wertende Aussagen über den Verbotsverbleib solcher Bünde durch die Alliierten sind somit wirklich unsinnig.

Beim Thema Alkoholkonsum wird ein Zwang negiert, was im Widerspruch zu vielen Trinkritualen der “Kneipe” und des “Kommers”, welche im sog. “Comment” festgelegt sind, steht.
(Quelle: ebd.)

Die einzelnen Bünde pflegen ihren Comment individuell. Nicht wenige Bünde erhalten Teile ihres Comments als Erinnerungswert, leben ihn aber nicht mehr unbedingt so, wie es dort geschrieben steht. In Zeiten strenger Promille-Grenzen dürfte es auch im Interesse einer jeden Verbindung sein, dass ihre Bundesbrüder sicher und MIT Führerschein nach Hause kommen.

Frauen in Verbindungen

Sehr verwirrend stellen die Damen und Herren von a.i.d.a die Aufnahmekritieren, insbesondere für Frauen, dar. Man beklagt die BILD-Aussage:

Einige Korporationen nehmen auch Frauen auf, die meisten aber nur Männer.
(Quelle: ebd.)

Hierzu wird Frau Dr. Alexandra Kurth zitiert:

Ein genauerer Blick auf die betreffenden Verbände zeigt, dass (…) nur etwa 116 tatsächlich potentiell Frauen aufnehmen, da es fast alle Verbände den Einzelverbindungen freistellen, über die Öffnung für Studentinnen zu entscheiden, womit der tatsächliche Anteil auf zirka elf Prozent sinkt. Zwar existiert keine Statistik, in die Mitgliederzahlen nach Geschlecht aufgeschlüsselt wären, der Frauenanteil in den betreffenden Verbindungen liegt jedoch weit unter 50 Prozent, so dass der Gesamtanteil von Verbindungsstudentinnen inklusive der seit den 1970er Jahren neu gegründeten 18 Damenverbindungen bei etwa einem bis fünf Prozent liegen dürfte.
(Quelle: ebd.)

Der Text von Frau Kurth stammt aus dem Jahr 2004. Seither gab es über 20 Neugründungen reiner Damenbünde. Auch haben sich zahlreiche frühere reine Männerbünde für Frauen geöffnet. Derzeit sind es um die 120 Studentenverbindungen in der BRD, die sich sowohl für beide Geschlechter offen stehen. Dass hier natürlich aufgrund der Altersstrukturen ein gewaltiger Männerüberhang besteht, ist kaum verwunderlich. Interessant wäre hier der Blick auf die Aktivita der Bünde gewesen. Ich bin mir sicher, das die Quote hier anders aussieht. Aktuell sind die Angaben aus 2004 sicherlich nicht. Wer von sich selbst den Anspruch erhebt, das Verbindungswesen zu beobachten, der hätten solche Veränderungen bachten müssen.

Die Angaben von Frau Kurth haben ohnehin wenig mit der Aussage von BILD zu tun. Dennoch stellen die Damen und Herren von a.i.d.a. diese beiden Aussagen in einen Zusammenhang und beklagen:

Die BILD-Zeitung versucht hier, die Realität zu verzerren und lässt z. B. außer Acht, dass Mitgliedsbünde in der DB nur deutschstämmige Männer mit Wehrdiensterfahrung annehmen.
(Quelle: ebd.)

Zur Klarstellung:

  • BILD sagt, dass einige Korporationen (=Studentenverbindungen in ihrer Gesamtheit) Frauen aufnehmen;
  • Frau Kurth sagt, dass der Frauenanteil im Verbindungswesen (2004) bei 1-5% gelegen haben dürfte;
  • Die deutschen Bünde, die in der DB organisiert sind (ca. 95 von rund 1.400 Verbindungen in Deutschland, also weniger als 10% von Deutschlands Studentenverbindungen) nehmen keine Damen in ihren Reihen auf – alleine aus der DB heraus auf ein generelles Bild zu schließen ist schlicht falsch;
  • Wenn man Frau Kurths Angaben aus 2004 mit den Neugründungen einiger Damenbünde und der Öffnung bestehener Bünde für Frauen anreichert, dann sind wohl etwas über 10% der Verbindungen für Studentinnen offen. In einigen Jahrzehnten kann man dann darüber diskutieren, wie sich das Verhältnis der Geschlechter im Verbindungswesen entwickelt haben wird.

Selektive Wahrnehmung von Quellen

Neben den auch sonst üblichen Klischees fällt aber auch, dass man die Kritik an der Kritik sehr selektiv bewertet. So heißt es, hinsichtlich der CDA-Studie zur “Gewalt gegen Verbindungen”:

Verwiesen wird ferner auf Parolen im Internet, wie beispielsweise von der “Jugend Antifa Göttingen”, die auf ihrer Webseite angeblich “Burschenschaften abreißen!” fordere (13).
(Quelle: ebd.)

Bei der genannten Quelle #13 steht schlicht und einfach:

Aktuell ist dies nicht belegbar
(Quelle: ebd.)

Wie einfach das belegbar ist, zeigt die Google-Suche “Burschenschaften abreißen!”. Bereits an zweiter Stelle (Stand 04.07.2011) wird eben der entsprechende Artikel auf der Webseite der Jugend Antifa Göttingen angezeigt. Und dort heißt es ganz unten:

Gegen Nationalisten, Sexisten und Rassisten konsequent vorgehen !
Burschenschaften abreißen !
(Quelle: http://jugendantifagoettingen.blogsport.de/2009/03/15/180-menschen-protestieren-gegen-k-weissmann-und-burschenschaften, Zugriff am 05.07.2011)

Der auffällige Rest des a.i.d.a.-Aufsatzes ist eine bloße Abrechnung mit einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung und hat im Grunde nichts mit dem Verbindungswesen zu tun, und damit eigentlich auch nichts in einem kritischen Verbindungsartikel zu suchen.

Positiv kann ich dem Artikel abgewinnen, dass es einer der wenigen verbindungskritischen Artikel ist, der überhaupt Quellen angibt. Allerdings sind diese oft recht einseitig und willkürlich gewählt, der Umgang mit ihnen fragwürdig und selektiv. Bleibt am Ende also doch nur eine weitere Verbindungs-Hetzschrift und der Versuch der Demontage unliebsamer Redakteure großer deutscher Tageszeitungen. Mit Aufklärung o.ä. hat diese Serien aber recht wenig zu tun.

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