Mai 192011
 

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Wegen des eine Woche zuvor stattfindenen Pfingstkongresses in Coburg, ist der Burschentag in Eisenach hier beim Burschireader ein wenig in den Hintergrund gerückt. Aber das dürfte nichts machen – ich schätze, dass die die Protestteilnehmer in Coburg und Eisenach zu 90% ohnehin dieselben sind. Auf dem Blog gegenburschentage.blogsport.de versucht man gegen den Burschentag aufzustacheln.

Seit der Wiedervereinigung findet jährlich am Wochenende nach Pfingsten der sogenannte Burschentag der Deutschen Burschenschaft (DB) auf der Wartburg in Eisenach statt.

Für die Geschichte unseres Landes und insbesondere zur Erinnerung an die frühesten Bestrebungen der Burschenschaften dürfte es kaum einen anderen, so denkwürdigen Platz dafür in Deutschland geben.

Das erste Wartburgfest 1817 ist wichtiger Bestandteil burschenschaftlicher Geschichte: neben Reden zur Zukunft der „Deutschen Nation“ stand auch Bücherverbrennung auf dem Programm.

Nein, die Bücherverbrennung stand NICHT auf dem Programm. Sie war eine Randerscheinung weniger Radikaler und fand nur unter großem Protest der Veranstaltungsleitung statt.

Auch heute noch findet ein Fackelzug zum Burschenschaftsdenkmal statt.

Wieso “noch”? 1817 gab es noch kein Burschenschaftsdenkmal. Dieses wurde erst 1902 erbaut bzw. eingeweiht.

Die örtlichen Unterkünfte sind belegt, die Kneipen sind voll, das Bier fließt in Strömen.

Es geht also zu, wie in allen anderen (Groß-)städten unseres Landes an einem Wochenende! Sehr verwerflich!

Fast könnte man in der touristischen Idylle vergessen, dass es sich hierbei um ein Treffen rechts-konservativer bis neo-nazistischer Männerbünde handelt, das in seinen Grundfesten abzulehnen ist.

Einerseits frage ich mich nach wie vor, wie man auf den Vorwurf neo-nazistischer Bünde kommt und andererseits, wer genau so allgemeingültig bestimmt, dass das Burschenschaften abzulehnen seien. Ich persönlich glaube ja doch noch an die Eigenbestimmung des Individuums. Gerade die Summe dieser Einzelmeinungen und das daraus resultierende Gesamtmeinungsbild, sind eben jene Grundmanifeste, die unsere Demokratie und unsere Republik ausmachen.

Einen Ausflug hin zur Bedeutung der Burschenschaften hinsichtlich der Schaffung einer deutschen Republik erspare ich mir an dieser Stelle. Dafür versprechen aber die Gegenburschentagler im Folgenden eine Erklärung ihrer bislang recht spekulativen Behauptungen. Diese sind allerdings derart wild zusammengetragen, dass sie weniger Begründungen liefern, als verwirren.

Die Nazis von der Deutschen Burschenschaft

Im Bereich “Die Nazis von der Deutschen Burschenschaft” (DB) werden im Grunde die üblichen abgedroschenen Vorurteile aufgewärmt und Fakten verdreht. So wird der DB bspw. vorgehalten bereits 1920 den Arierparagraphen verabschiedet zu haben, wodurch nur noch Studenten deutscher Abstammung Mitglied der DB-Bünde werden konnten. Das mag richtig sein und es war grundlegend falsch. Doch darf man nicht vergessen, dass das kein ungewöhnlicher Umstand jener Zeit war. Zahllose Sport-, Musik- und sonstige Vereine schlossen auf diese Weise Ausländer und insbesondere Juden aus ihren Reihen aus. Die DB nahm hier keine Sonderstellung ein, sondern passte sich dem Mainstream der andauernden Judenhetze an. Es ist sehr einfach aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts mit dem Finger auf Geschehnisse zu zeigen, deren Ausuferungen man zu dieser Zeit nicht hat erahnen können.

Auch ist es erstaunlich, dass Abtreibungsgegner heute als rechtsextrem gelten sollen. So wird der DB im Rahmen rechtsextremistischer Ausrichtungen vorgworfen, Abtreibungsgegner eingeladen zu haben. Die individuelle Einstellung hierzu ist dann doch wohl eher im Gewissen, als in der parteipolitischen Orientierung zu suchen.

Ungleichheit auf allen Ebenen

Im Rahmen der Ungleichheit bedenken die Protestler den Verbindungsstudenten im Allgemeinen…

sich in einer besonderen gesellschaftlichen und politischen Rolle [zu sehen]. Sie verstehen sich als Elite, „Gestalter“ des gesellschaftlichen Lebens und geistige Vorhut. 

Da frage ich mich allerdings, worin genau dann der Unterschied zu den Burschentagsgegnern liegen soll. Letztere stellen sich ja selbst also genau das dar, was man den DB’ern vorwirft – wenn auch mit anderen (unterstellten) Zielsetzungen.

Im Folgenden werden die DB-Bünde als frauen-, schwulen- und lesbenfeindlich tituliert. Ich glaube, es ist der großen Mehrheit der Burschenschafter recht egal, mit wem der Bundes- oder Farbenbruder ins Bett geht. Dass es wiederum persönliche Aversionen gegen Homosexuelle gibt, das sei unbestritten. Dies liegt dann aber nicht an der Organisation der DB, sondern vielmehr an jedem Einzelnen. Solch eine Homophobie ist nicht nur in den klassischen Männerbünden zu finden, sondern in allen Teilen unserer Gesellschaft.

Frauen haben in den Männerbünden außer als „schmückendes Beiwerk“ nichts verloren. Schließlich seien sie nicht für die harten Ansprüche der Öffentlichkeit und ihrer Gestaltung im nationalen Sinne geschaffen.

Man könnte sich nach jahrzehnten vielleicht doch einmal eine andere Formulierung als ‘schmückendes Beiwerk’ überlegen. Ich habe bislang noch keine Burschenschafter-Freundin oder -Ehefrau kennengelernt, die sich als solches Beiwerk sehen würde. Hier sprechen die Protestler gerade Partnerinnen von Burschenschaften deren Eigenständigkeit und Gleichheit ab. Auch wenn ich selbst keinem DB-Bund angehöre,  meine Frau verfügt über eine weitaus bessere akademische Ausbildung als ich und ist – aus eigener Kraft! – gut im Berufsleben situiert. Ich freue mich darüber und bin stolz auf sie! Ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, der solche Erfahrungen gemacht hat. Ich bin darüber hinaus überzeugt davon, dass man gerade in den kommenden Jahren des öfteren auf solche Konstellationen treffen wird.

Die Nazis und ihre guten Freunde im Rest der Gesellschaft

Der darauffolgende Teil des Aufrufs unter dem Titel “Die Nazis und ihre guten Freunde im Rest der Gesellschaft” bilden sein sehr obskures Argumentationskonstrukt. Man könnte das Gefühl haben, das man in DB-Bünden beinahe jüngerhaft an die Worte eines Thilo Sarrazin oder eines Guido Westerwelle kleben würde. Dass gerade der bekennende schwule (!) Ex-FDP-Chef solchen Einfluss auf die DB haben soll, kann doch im Rahmen der vorangegangenen Unterstellung der Schwulenfeindlichkeit nicht wirklich ernst gemeint sein.

Zum Endes des Aufrufs hin beklagen die Protestler das mangelnde gesellschaftliche Engangement gegen den Burschentag aufgrund ökonomischer Interessen. Dass gerade die Protestierenden für die Beachtung der Burschentage sorgen und sie – ebenso wie auch die anreisenden Burschenschafter  – die Eisenacher (sowie auch die Deutsche Bahn als auch die Mineralölkonzerne) in deren offenbar bösartiger kapitalistischer Raffgier unterstützen, wird dabei gerne verschwiegen. Sicherlich sind das die Opfer, die man zur Weltverbesserung bereit sein muss, zu geben. Oder will man den Eisenachern Bürgern einfach nur unterstellen, kollektiv rechtsextrem, frauen-, schwulen- und lesbenfeindlich zu sein?

Liebe Protestierende, eben dadurch, dass Ihr jedes Jahr wieder in Eisenach, Coburg, Bielefeld etc aufmarschiert, gebt ihr genau denjenigen, die ihr – aus welchen abwegigen Gründen auch immer – bekämpfen wollt, die Bühne, die Ihr ihnen verweigern wollt. Wenn Ihr wirklich die Auffassungen leben würdet, wie Ihr es in solchen Aufrufen vorgaukelt, dann solltet Ihr Veranstaltungen wie die Burschentage, den Pfingskongress oder die Akademikertage einfach ignorieren.

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  One Response to “Burschentag2011 – im Interesse der kapitalistischen Eisenacher”

Comments (1)
  1. Das mit den Abtreibungsgegnern erklärt sich eben so, dass NPD und Konsorten ebenfalls Abtreibungsgegner sind, und auch die evangelikale Rechte in den USA diese Meinung vertritt. Gegner von Abtreibungen zu sein, ist aber, wie du richtig sagst, keine politisch “rechte” Aussage, ist aber in dem Umfeld verstärkt aufzufinden.

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